Sarkophage für Reaktoren

Tschernobyl zeigt: Mit dem Cold-shutdown ist das Problem noch nicht erledigt.

Reaktorgebäude Nr. 4 in Tschernobyl mit dem "Sarkophag"

Reaktorgebäude Nr. 4 in Tschernobyl mit dem "Sarkophag" aus nordwestlicher Richtung gesehen

(P. Köhler) Die japanische Regierung hat Mitte Dezember erklärt, dass die Fukushima-Reaktoren nun unter 100° abgekühlt sind. Sie nannte das cold shutdown, aber dieser Begriff beschreibt eigentlich einen intakten, kontrolliert heruntergefahrenen Reaktor, den man gefahrlos öffnen kann. Wie dem auch sei: die Fukushima-Reaktoren sollen nun unter einem provisorischen Schutzdach dekontaminiert und demontiert werden.

Bei dieser Gelegenheit habe ich mir angesehen, wie weit Dekontamination und der Rückbau des Reaktors Nr. 4 in Tschernobyl, Ukraine, eigentlich inzwischen vorangekommen sind.

Dort wurde bekanntlich nach der Katastrophe 1986 in äußerster Eile ein provisorischer Schutzmantel errichtet, der sogenannte "Sarkophag". Der besteht zu großen Teilen aus den Wänden des alten Reaktorgebäudes, die Westwand aus massiven Betonteilen mit Betonstreben, die Südwand aus Stahl. Das Dach ist aus Stahlröhren und -platten, die quer über drei riesige Träger gelegt sind. Die Metallteile korrodieren seither, die Betonwände sind instabil, und das Dach war von Anfang an undicht. (Es wurde 2009 repariert und notdürftig abgedichtet.) Die Brennelemente der anderen Reaktoren sind inzwischen entfernt worden, doch sollen 180 t Kernbrennstoff, 95% des Inventars, noch innerhalb des Gebäudes vom Reaktor Nr. 4 liegen.


1992 liess die Regierung der Ukraine deshalb einen neuen Schutzbau (New Safe Confinement, NSC) planen. Britische Architekten entwarfen eine selbsttragende, kühne Halle, die innen 92 m hoch und 245 m breit sein wird. Um die Arbeiter vor Strahlung zu schützen, muss sie 180 m westlich des Reaktors gebaut und dann über Schienen, die auf Streifenfundamenten ruhen, an den eigentlichen Platz verschoben werden. Diese Technik stammt aus dem Brückenbau. Das NSC soll das ehemalige Kraftwerk komplett von der Umwelt isolieren, gegen weiteren Zerfall schützen und den sicheren Abbau ermöglichen. Innen werden zwei Brückenkräne sein, die zum Abbau des Sarkophagdaches (ca. 2000 t Stahl) und auch zum Transport der Arbeiter in einer geschützten Kabine eingesetzt werden können. Der Atommüll soll in ein modernes Zwischenlager gebracht werden, das ausländische Firmen (u.a. die bayrische Nukem GmbH) in der Nähe gebaut haben.

Weil die Ukraine das finanziell nicht stemmen kann, gab es 1997 den internationalen Shelter Implementation Plan SIP, der von den Geberländern (G8 und EU) mit 864 Mio Euro aufgefüllt wurde. Den Bauauftrag haben zwei französische Konzerne (Vinci und Bouygues). Halle und Begleitbauten sollten nach SIP bis 2005 abgeschlossen sein. Das war offenbar zu sportlich geplant. Einerseits zogen sich die vorarbeiten in die Länge, andererseits reichte das Geld schon in der Planungsphase nicht aus. Baubeginn war jedenfalls erst im September 2010.

Auf der Geberkonferenz vom April 2011 sind nochmals 550 Mio Euro zugesagt worden, wobei die größte Einzelzusage von 138 Mio Euro aus den USA stammt, 60 Mio aus Deutschland, 45 Mio aus der Ukraine. Insgesamt wird die Operation voraussichtlich 1.5 Mrd Euro kosten und damit mehr als der Neubau des Kraftwerkblocks im Jahr 1983. Voraussichtliche Fertigstellung ist 2015... vielleicht.

(Grafik: PD, Quelle: wikitravel.org/en/Image:Chernobyl4_2008.jpg)








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