Sollen gesunde Männer ihr prostataspezifisches Antigen messen lassen?

Das sogenannte PSA-Screening auf Prostatakrebs ist umstritten; denn die beiden wichtigsten Studien haben entgegengesetzte Ergebnisse. Die neue nationale Vorsorgeleitlinie der USA lehnt das PSA-Screening ab.

Kaplan-Meier-Grafiken der Sterblichkeit durch Prostatakarzinom in den europäischen und amerikanischen Studien: die Ergebnisse sind entgegengesetzt

Sterblichkeit durch Prostatakarzinom in den europäischen und amerikanischen Studien

(P. Köhler) Das New England Journal of Medicine hat seine Ausgabe vom 24. November dem PSA-Screening gewidmet. Die US-Gesundheitsbehörden raten vom PSA-Screening seit Oktober explizit ab, weil der Schaden den Nutzen möglicherweise übersteige.

Screening bedeutet dabei: Untersuchung von gesunden Männern ohne urologische Beschwerden. PSA ist das prostataspezifische Antigen, ein Enzym aus der Prostata, das man im Blut messen kann. Hohe PSA-Serumspiegel sind verdächtig auf ein Prostatakarzinom. Männer über 55 Jahren, bei denen PSA über 4 ng/ml liegt, haben etwa zu einem Viertel der Betroffenen Prostatakrebs, bei über 10 ng/ml sind es 50 %. Andererseits gibt es eine enorme Grauzone: weder beweist ein PSA unter 4 ng/ml, dass der Proband gesund ist (bei < 2 ng/ml ergeben zufällige Biopsien immer noch 10 % Prostatakarzinome!), noch gibt es einen Grenzwert, ab dem die Krebsrate 100 % erreicht. Es ist auch umstritten, welche Patienten mit einem gesicherten Krebs von der Entfernung oder Bestrahlung der Prostata echten Nutzen haben.

PSA-Screening, wie es derzeit betrieben wird, also als graues Screening ohne einheitliches Konzept, produziert viele unnötige Probeentnahmen und Operationen und übersieht gleichzeitig viele echte Karzinome. Ob es dennoch statistisch etwas bringt, ist umstritten. Es gibt zwei große, prospektive Studien zum PSA-Screening. Die europäische Studie (Schröder et al, NEJM 2009) an 160.000 Probanden ergab eine um 20 % signifikant verminderte Sterblichkeit am Prostatakrebs in der Screeninggruppe; in absoluten Zahlen 28 statt 35 Todesfälle pro 10.000 Studienteilnehmer während 9 Jahren. Das klingt besser, als es ist, denn wegen der vielen Überdiagnosen mußten 48 Prostatektomien stattfinden, um einen Todesfall zu verhindern. Außerdem ist der Effekt erst acht Jahre nach dem Screening meßbar. Die US-amerikanische Studie (Andriole et al., NEJM 2009) konnte gar keinen signifikanten Effekt für das PSA-Screening nachweisen, im Gegenteil lag die Mortalität in der Screeninggruppe sogar (nicht signifikant) höher.

PSA-Screening wird deshalb in den neuen Leitlinien nicht empfohlen, und in Deutschland auch nicht von den Krankenkassen bezahlt (ein Test kostet privat bezahlt um 25 Euro).

Die praktische Empfehlung für über 55-jährige Männer ist, sich nicht auf das reine PSA-Screening zu verlassen. Man sollte stattdessen einmalig beim Hausarzt oder Urologen eine spezifische Anamnese und eine Tastuntersuchung der Prostata durchführen lassen. Abhängig davon kann man sein persönliches Risiko abschätzen und dann informiert entscheiden, ob man eine regelmäßige PSA-Testung sinnvoll nutzen kann.

Webseiten wie z.B. http://www.prostatecancer-riskcalculator.com von der "Stichting Wetenschappelijk Onderzoek Prostaatkanker SWOP" an der Universität Rotterdam (dtsch: "Stiftung zur Erforschung des Prostatakrebses"; die Webseite verwendet Flash) können bei der Entscheidung helfen. Betroffene können dort ihre Symptome und Befunde, falls vorhanden auch den PSA-Serumspiegel eingeben und erhalten ihre individuelle Wahrscheinlichkeit, einen Prostakrebs zu haben in Prozent.








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