Unter den Teilnehmern an David McCandless‘ diesjährigemInformation-is-beautifulWettbewerb um die beste Infografik ist eine, die mir wegen ihres Bezugs zur Radiologie aufgefallen ist.

Dr. Paul S. Wheeler ist seit 1973 Befunder einer röntgendiagnostischen Abteilung des John-Hopkins-Krankenhauses in Baltimore, die auf Gutachten in Staublungenerkrankungen spezialisiert ist. Solche Gutachten werden von den Minengesellschaften beauftragt, wenn einer ihrer Bergleute Entschädigungsansprüche aus Berufskrankheit stellt. Das John-Hopkins gilt als das beste Krankenhaus der USA.[Quelle]

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2012 stießen Journalisten vom Center for Public Integrity (einem spendenfinanzierten Reporternetzwerk) während einer Recherche über die Situation der US-amerikanischen Bergarbeiter auf zahlreiche Unstimmigkeiten. Die Minenbetriebe hatten die Ansprüche ihrer lungenkranken Angestellten systematisch abgewimmelt, indem „ungünstige“ medizinische Befunde unterdrückt und „günstige“ Gutachten eingeholt worden waren. Dabei spielte das John-Hopkins eine besonders unrühmliche Rolle.

Es gelang den Reportern, das Vertrauen von 1.500 Minenarbeitern zu erlangen, deren Röntgenbilder Dr. Wheeler im vorausgegangenen Jahrzehnt begutachtet hatte, und deren Akten auszuwerten. Wheeler hatte nur 2% seiner Fälle als Pneumokoniose eingestuft, und keine einzige als „kompliziert“ (schwerste Form, mit zunehmender Vernarbung der Lunge).

Das steht in eklatantem Widerspruch zu den Erwartungen an diese hochselektive Fallsammlung, und zu den Beurteilungen anderer Ärzte, die die Filme ebenfalls beurteilt hatten. Man muß selbst bei gutem Willen von einer systematischen, jahrelangen Fehlbefundung im John-Hopkins ausgehen, über deren Gründe allerdings kann man nur spekulieren.

Die grafische Darstellung der 1500 Gutachten als farbige Punkte ist eindrücklich. Jeder Punkt ein Patient, jeder roten Punkt eine negative (= „keine Pneumokoniose“) Diagnose. Fährt man mit dem Mauszeiger über die Punkte, so werden Details zum jeweiligen Fall angezeigt.

Im Herbst 2013 erschien eine Artikelserie beim CPI und beim Fernsehsender ABC News, unter dem Namen „Breathless and Burdened„, dabei auch die Infografik. Und deren Aussage war so intuitiv eindeutig, dass sie die amerikanische Öffentlichkeit schlagartig überzeugt hat. Mit erheblichen Folgen:

Kommentar: Die standardisierte Auswertung von Röntgenbildern auf Staublungenerkrankungen ist schwierig. Für die der Leitlinie nach erforderlichen Zweitgutachten gibt es auch bei uns nur wenige ausgewiesene Spezialisten. Bereits ein einzelner Arzt aus dieser Gruppe, der schlecht arbeitet, könnte immensen Schaden anrichten. Katastrophal, wenn dieser einzelne wie hier auch noch einen solch guten Ruf genießt, das sein Verdikt von niemandem mehr erschüttert werden kann. Das ist die „eminenzbasierte Medizin“ in ihrer schlimmstmöglichen Form.

Die Infografik „X-ray readings compared“ ist weder die schönste noch die elaborierteste der Wettbewerbsteilnehmer. Aber sie hat für manche Menschen – die amerikanischen Bergleute, die Anwälte, die Radiologen –  die Welt verändert. Hier können Sie bis zum 31.10. noch abstimmen.

 

Dr. Peter Köhler

Facharzt für Diagnostische Radiologie und Facharzt für Strahlentherapie