‘You see, but you do not observe. The distinction is clear.’ (Sherlock Holmes, A Scandal in Bohemia)

Es ist schwierig, aus dem schlimmen Werbesprech des Anbieters schlau zu werden. Man kann sich aber durch den ganzen Outthink-the-Future-Kram zu den Infotexten durchklicken.  Dann lernt man, dass es offenbar nicht geplant ist, Watson-Computer als Hardware zu verkaufen – dazu wären sie zu teuer – sondern die Dienste dieser AI über sogenannte „Cloud-APIs“ den einzelnen Kunden anzubieten.

Dabei handelt es sich um Webdienste, die auf bestimmte http- oder https-URLs reagieren und Antworten als XML, JSON, und in anderen Formaten liefern, die man lokal weiterverarbeiten kann.

Es gibt bis jetzt 18 Watson-Dienste von IBM und einem Drittanbieter (manche erst als Betaversion). Beispielsweise kann der „AlchemyLanguage“-Dienst Texte automatisch einordnen, verschlagworten, nach der enthaltenen Emotion klassifizieren, etc. Es gibt auch einen „Dialog Service“, den man im eigenen Webangebot als Chatbot einbinden kann. Andere Dienste („AlchemyData“) analysieren beispielsweise Postings in sozialen Netzen, liefern kuratierte Nachrichtenüberblicke, übersetzen in Fremdsprachen, oder konvertieren Dateiformate. „AlchemyVision“-Dienste sollen Bildinhalte erkennen.

Das Angebot ist finanziell breit skaliert: es gibt sogar einen kostenlosen Testzugang für bis zu 1000 Abfragen täglich. Man bekommt einen Zugang zu IMBs „Bluemix“-Cloud mit etwas CPU-Zeit und Plattenplatz, wo man seinen Webserver aufsetzen kann. Als Sprachen werden u.a. Java, JavaScript, PHP und Ruby angeboten. Ab der zweiten Instanz oder 512 MB Speicherplatz berechnet IBM dann monatliche Preise zwischen 20 und 5000 U$.

Technisch steckt dahinter ein Cluster aus 90 Achtkernprozessoren mit 16 TB RAM und 80 TeraFLOPs Geschwindigkeit, dessen Marktpreis mit 3 Mio U$ angegeben wird.

In der Medizin gibt es nur wenige Anwendungsversuche: Das MSK-Krebszentrum in New York läßt sich seit 2014 auf Basis seiner digitalen Patientenakte, und einer Datenbank aus onkologischen Studiendaten, individuelle Behandlungsvorschläge machen (Watson for Oncology). Ein paar weitere Krankenhäuser machen das nach. Und der kommerzielle Genanalyseanbieter Pathways Genomics läßt Watson die DNA-Sequenzen von Krebspatienten mit der biomedizinischen Literatur vergleichen, um Therapievorschläge zu entwickeln.

Im letzten August erwarb IBM dann den Zugang zu ‚zig Millionen medizinischen Bildern von etwa 7500 amerikanischen Gesundheitsanbietern, indem er deren PACS-Dienstleister Merge für 1 Mrd. U$ aufkaufte. Anscheinend gibt es da kein Datenschutzproblem. Aus den CTs, Mammografien, und Kernspinbildern soll der unbegrenzt datenhungrige Watson nun Befunde und Diagnosen erlernen.

Wir werden sehen, wie gut das Script mit dem sehr selbstbewußten Namen „Avicenna“ im Alltag funktioniert. Die ersten Tests sehen wohl gut aus. Andererseits: das ist eine artefizielle Testsituation. Die diagnostische Radiologie ist draußen im Leben schon ziemlich kompliziert, es gibt zahlreiche Fallstricke, nicht alle Bilder sind technisch störungsfrei, und meistens haben wir gar nicht die umfassenden Patientenakten, auf die der Computer sich stützen möchte… sondern nur ein oder zwei Worte auf einem Überweisungsschein.

„Unklare Schmerzen“, „LWS?“, oder „Bitte MR“ – das sind die uns üblicherweise vorliegenden Informationen. Da sehe ich Schwierigkeiten für den elektronischen Kollegen, zumal der ja nicht vor Ort ist und den Patienten nicht selbst befragen kann.

Computerunterstützte Radiologie wird uns seit 40 Jahren angeboten wie saures Bier. Außer in den USA, wo die Krankenversicherungen für einige Systeme die Kosten übernehmen, haben sie sich nie durchgesetzt. Warum nicht? Ganz einfach: erfahrenen Radiologen bringen sie keinen Vorteil. Selbst in der Vorsorgemammographie – der häufigsten Anwendung – sind technische Systeme der heute üblichen Doppelbefundung durch zwei erfahrene menschliche Ärzte unterlegen.

“Look Dave, I can see you’re really upset about this. I honestly think you ought to sit down calmly, take a stress pill, and think things over.” (HAL9000, A Space Odyssey)

Aber vielleicht bin ich auch nur verkalkt und altmodisch. Der digitale Radiologe rückt näher. Und ja, natürlich soll das System nicht autark arbeiten, sondern den menschlichen Arzt nur unverbindlich beraten. Wir brauchen also keine Angst um unsere Jobs zu haben.

Aber zwei Fragen hätte ich doch noch:

Watson 2011. (Clockready/wikimedia.org, Lizenz CC-by-CA 3.0)

Watson 2011. (Clockready/wikimedia.org, Lizenz CC-by-CA 3.0)

  • Ist neben der ganzen Werbung auch gelegentlich mit einer wissenschaftlichen Evaluation des Systems zu rechnen? Sonst wird es nämlich weder von der FDA noch von den europäischen Zulassungsbehörden als Medizinprodukt zum Verkauf zugelassen. Bisher gibt es in fünf Jahren noch keine einzige Journalveröffentlichung, nur Reklame der beteiligten Firmen.
  • Und wird es einen europäischen Watson-Server geben? Es ist deutschen Unternehmen nämlich gegenwärtig nicht erlaubt, sensible Patientendaten in die USA zu verbringen. Das wird sich nach meiner Auffassung auch nicht ändern, weil die Daten dort nicht vor fremdem Zugriff sicher sind. Dass die sogenannte Anonymisierung nichts hilft, hat sich bis zu uns herumgesprochen. Das war schon vor der Erfindung eines kognitiven Supercomputers so. Und dass Polizeibehörden wie etwa die NSA legalen Zugang zu den medizinischen Daten der Bevölkerung haben, ist kein Geheimnis.