Soeben hat die „Kooperationsgemeinschaft Mammographie“ das neue, überarbeitete offizielle Info-Faltblatt veröffentlicht.  Dieses Faltblatt wird an alle berechtigten Frauen mit den Einladungen zum Screeningmammographie verschickt. Der Text wurde im Auftrag des GBA von nicht namentlich benannten Mitarbeitern des IQWiG erstellt.

Hier können Sie die Entwicklung des Faltblatts nachvollziehen. Hauptunterschied ist die Darstellung der möglichen Nachteile des Screeningteilnahme:

„In manchen Fällen ist die Erkrankung trotz frühzeitiger Erkennung und Behandlung nicht aufzuhalten. Bei einem Verdacht auf eine Krebserkrankung kann durch die Abklärungsuntersuchungen eine Belastung entstehen (zum Beispiel durch Entnahme von Gewebeproben), auch wenn dieser Verdacht sich dann nicht bestätigt.“

„Ein Nachteil ist, wenn ein auffälliger Befund, der sich später als unbegründet herausstellt, beunruhigt, insbesondere wenn Gewebe entnommen wird, das sich nachträglich als gutartig herausstellt, wenn ein bösartiger Tumor gefunden und behandelt wird, der nicht mehr heilbar ist und sich dadurch die Leidenszeit, aber nicht die Lebenszeit verlängert, wenn ein Tumor gefunden und behandelt wird, der niemals Probleme bereitet hätte.“

„Nachteil: Frauen werden durch falsche Verdachtsbefunde in Sorge versetzt. Schon die Nachricht, dass bei einer Mammographie eine Auffälligkeit gefunden wurde, macht oft Angst. Die Zeit bis zum endgültigen Ergebnis wird von den meisten Frauen als sehr belastend erlebt. Auch wenn sich der Verdacht nicht bestätigt, kann diese Erfahrung nachwirken. (…) Studien haben gezeigt, dass bei Frauen, die zur Mammographie gehen, mehr Tumore und DCIS entdeckt werden. Darunter sind Veränderungen, die ohne Früherkennungs-Untersuchung zu Lebzeiten einer Frau nicht aufgefallen wären. Das liegt zum Beispiel daran, dass die Mammographie auch bösartige Veränderungen findet, die sich aber nicht weiter ausbreiten und deshalb nicht bedrohlich werden würden. Diese Diagnosen werden Überdiagnosen genannt. Leider lassen sich solche Veränderungen nicht von wirklich gefährlichen Tumoren unterscheiden. Überdiagnosen führen daher zu Behandlungen, die unnötig gewesen wären. ( …) Der wichtigste Nachteil: Die Mammographie kann zu unnötigen Brustkrebs-Diagnosen führen. Wie schon erwähnt, können Tumore und verdächtige Zellveränderungen entdeckt werden, die sich aber nicht zu einer Bedrohung entwickeln und nie Probleme machen würden. Von 1000 Frauen, die 10 Jahre lang regelmäßig am Mammographie-Programm teilnehmen, erhalten etwa 5 bis 7 eine Überdiagnose und in der Folge unnötige Behandlungen.“

Wie man sieht, wird der Darstellung von möglichen Nachteilen jetzt wesentlich mehr Raum gegeben.

Man muss berücksichtigen, dass der Inhalt dieses Merkblatt behördlich festgelegt wird, also eine offiziellen Standpunkt der deutschen Gesundheitsverwaltung abbildet. Der Subtext war früher „macht mit, das ist eine gute Sache“. Heute lautet er „wir bieten euch das an, haben aber keine Meinung dazu“.

Trotz Premiumzugang zu allen Informationen der Welt keine Meinung ? Ein Armutszeugnis für die Bürokratie. Und gleichzeitig ein Negativbeispiel, wie staatliche Gesundheitsvorsorge sich selbst schwächt und entwertet.

So wie unser kraftloses Impfprogramm, das für Masern eine schlechtere Durchimpfungsrate bewirkt als in Aserbeidschan oder Tadschikistan.

Es könnte natürlich auch sein, dass die Teilnahmerate vorsätzlich gesenkt werden soll, um die für das Screeningprogramm allokierten Mittel anderen Bereichen des Gesundheitswesens zuleiten zu können.

Zum Glück hat eine Studie ergeben, dass Infomaterialien die Teilnahmebereitschaft nicht verändern, weil sich die anspruchsberechtigten Frauen lieber auf ihre eigene Erfahrung mit Brustkrebs, und auf die Empfehlung ihrer Ärzte verlassen. Das ist keine schlechte Herangehensweise – nennt man Erfahrungs- und Expertenheuristik.